Deutscher Gewerkschaftsbund

Welche Bedeutung hat die Auseinandersetzung mit der regionalen Gewerkschaftsgeschichte?

Ein Interview mit Hartmut Tölle, Vorsitzender des DGB-Bezirks Niedersachsen – Bremen – Sachsen-Anhalt

Harmut Tölle

Harmut Tölle DGB

Herr Tölle, welchen Stellenwert hat das Themenfeld Arbeitergeschichte beim DGB?

HT: Der systematischen historischen Aufarbeitung kann man gar nicht genug Bedeutung beimessen. Der Blick in die Vergangenheit verrät viel darüber, wo unsere Wurzeln liegen, welchen Traditionen und Werten wir uns verpflichtet fühlen, aber auch welche Fehler in der Zukunft zu vermeiden sind. Dies gilt insbesondere auch für die Gewerkschaftsbewegung in Deutschland.

 

Was heißt das konkret?

HT: Im DGB-Bezirk Niedersachsen – Bremen – Sachsen-Anhalt haben wir Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter eine große Sensibilität für historische Ereignisse entwickelt. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass bei uns die großen historischen Linien besondere Spuren hinterlassen haben. Ob es nun die deutsche Teilung, das Wirtschaftswunder oder die Wiedervereinigung waren, in unserem Bezirk kann man diesen Dingen intensiv nachspüren. Nehmen wir nur das Beispiel des Nationalsozialismus. Diese dunkle Seite unserer Geschichte stellt für uns eine Verantwortung dar. Es ist unsere Pflicht als Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, uns rassistischen, nationalistischen und rechtsextremen Strömungen entgegenzustellen.

 

Welche weiteren Aktivitäten gibt es?

HT: Es gibt bei uns ungemein versierte und engagierte Kolleginnen und Kollegen, die sich mit der Historie in unserem Bezirk beschäftigen. Diese haben nun durch die in 2010 gegründete Akademie für Regionale Gewerkschaftsgeschichte eine feste Institution zur Seite gestellt bekommen, die – ich denke, das darf man in aller Bescheidenheit sagen – einen einzigartigen Charakter hat. So werden Dokumente und Erlebtes gesammelt, aufbereitet, archiviert und präsentiert. Es gibt Veranstaltungen zu diversen Themen. Wir haben sogar eine eigene Schriftenreihe, die Regionalen Gewerkschaftsblätter.

 

Das Feld der Arbeitergeschichte ist weit. Wird ein besonderer Fokus gesetzt?

HT: Uns kommt es darauf an, das zu bewahren, was schnell in Vergessenheit gerät. Es geht uns um die vermeintlichen kleinen Geschichten. Die Biografien von Arbeiterinnen und Arbeitern, die regionale Industriegeschichte. Wir schauen uns an, wie es in der jeweiligen Zeit vor Ort ausgesehen hat. Durch diese Details kann man viel erfahren und lernen über die Zeitgeschichte, die Lebensbedingungen und die gesellschaftliche Entwicklung.

 

Wie geht es mit der Geschichtsarbeit weiter?

HT: Wir wollen das fortführen, was wir begonnen haben. Die Akademie bietet uns eine wunderbare Basis für dieses Engagement, das wir weiter ausbauen wollen. Das Feld ist bereitet, wir wollen zukünftigen Generationen an Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern einen kostbaren Schatz an historischer Dokumentation hinterlassen.

 

Herr Tölle, vielen Dank für dieses Gespräch.          

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