Deutscher Gewerkschaftsbund

01.11.2018
#schlaglicht 19/2018

Fachkräftemangel: Im Dschungel der Halbwahrheiten

Immer wieder klagen Arbeitgeber, es gebe zu wenig Fachkräfte. Mit stichhaltigen Fakten hat das wenig zu tun, eher mit gezielter Schwarzmalerei. Unstrittig ist, dass in bestimmten Branchen Engpässe an qualifiziertem Personal auftreten. Aber in den meisten Berufen gibt es deutlich mehr Arbeitssuchende. Das #schlaglicht 19/2018 leistet einen Beitrag zur Versachlichung der Debatte. 

Teaser Fachkraefte

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Ein Gespenst geht um in Deutschland. Das Gespenst des Fachkräftemangels. Zumindest wenn man die Arbeitgeberseite fragt. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht eines ihrer Sprachrohre das Lied vom allgemeinen Fachkräftemangel in die Welt hinausposaunt. Mit stichhaltigen Fakten hat das wenig zu tun, mehr mit gezielter Schwarzmalerei. Zeit für eine Versachlichung der Debatte.

Wer gutes Personal will, muss auch ausbilden!
Unstrittig ist, dass in bestimmten Branchen Engpässe an qualifiziertem Personal auftreten. Beispielsweise bei Pflege- und Grundschullehrkräften oder in den Ingenieursberufen. Aber in den meisten Berufen gibt es deutlich mehr Arbeitssuchende als freie Stellen. Die Probleme der Betriebe sind vielfach hausgemacht. Denn wer gutes Personal will, muss auch ausbilden. Jedoch kamen auf 100 Personen, die sich 2017 in Niedersachsen um eine Ausbildung bewarben, nur 89 Ausbildungsstellen. Nur 23 Prozent der Betriebe bilden aus, obwohl 100 Prozent von qualifizierten Fachkräften profitieren. Zukunftsplanung geht anders!

MTU Hannover: Trotz Bedarf wird überwiegend befristet eingestellt
Auch unterlassen es viele Unternehmen, durch attraktive Arbeitsbedingungen gutes Personal dauerhaft an sich zu binden. Beispiel MTU Maintenance GmbH: Der in Langenhagen bei Hannover ansässige Wartungsbetrieb für Flugzeugtriebwerke sucht dringend Fachkräfte im Bereich Fluggeräte- und Industriemechanik. Allerdings werden die Beschäftigten überwiegend befristet eingestellt. Gleiches gilt für viele Azubis nach dem Abschluss ihrer Ausbildung. So schlimm kann der Mangel offensichtlich nicht sein.

Schlechte Bezahlung führt zu hoher Personalfluktuation
Völlig grotesk wird es, wenn der Deutsche Industrie- und Handelskammertag einen Fachkräftemangel in Branchen mit eher geringen Qualifikationsanforderungen heraufbeschwört. Wie etwa bei der Leiharbeit und Sicherheitswirtschaft, im Gastgewerbe und Straßengüterverkehr. Tatsächlich gibt es dort eine sehr hohe Personalfluktuation. Diese schlägt sich in vielen offenen Stellen nieder. Das ist kein Mangel, sondern ein Ausdruck von schlechter Bezahlung. Beispielsweise verdient eine Vollzeit-Fachkraft im Gastgewerbe 13 Euro brutto pro Stunde. Das Durchschnittsentgelt aller in Vollzeit beschäftigten Fachkräfte liegt mit 19,88 Euro deutlich höher. Ähnlich groß ist der Abstand in den anderen Branchen.

Bruttostundenverdienste von Vollzeitkräften nach Branchen (2017)

DGB

Statt also zu jammern und nur die Karte Zuwanderung zu spielen, die häufig den Lohndruck unter den Beschäftigten anheizen soll, sollten sich die Arbeitgeber lieber an die eigene Nase fassen. Sie müssen mehr Ausbildungsplätze schaffen, für bessere Arbeits- und Entgeltbedingungen sorgen, ständige Weiterqualifizierung vorantreiben und altersgerechtes Arbeiten viel stärker fördern. Damit lässt sich dem Fachkräfteproblem wirksam begegnen.

Fachkräfteproblem oder Führungsproblem?
Umso erfreulicher, dass diese Einsicht auch bei einigen Arbeitgebern angekommen ist. Der im Gaststättenverband Dehoga aktive Hotelier Marco Nussbaum gibt selbstkritisch zu Protokoll: „Wir haben eigentlich gar kein Fachkräfteproblem in der Branche, sondern ein massives Führungsproblem. (…) Motivierte Menschen finden oftmals ein mehr als demotivierendes Arbeitsumfeld vor.“ Chapeau, Herr Nussbaum, Sie beteiligen sich an einer Gespensteraustreibung!

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