Deutscher Gewerkschaftsbund

27.02.2019
#schlaglicht 08/2019

Ausbeutung + Überwachung = Amazon

Der Onlinehandel boomt. Das liegt vor allem am Großhändler Amazon. Dieser weigert sich allerdings fair mit seinen Beschäftigten umzugehen. Ständige Überwachung und unzureichende Bezahlung sind Standard. Seit Jahren verweigert er den Belegschaften einen Tarifvertrag. Welche Arbeitsbedingungen vor Ort herrschen und was sich ändern muss, beschreibt das #schlaglicht 08/2019.

 

Frau klebt Karton an Fließband in Lagerhalle zu

Colourbox

Am Nachmittag klingelt es an der Tür. Wie so oft ist der Paketbote da, um ein Päckchen abzuliefern. Seit der Amerikaner Jeffrey Bezos 1994 den Onlineversandhändler Amazon aus der Taufe gehoben hat, erlebt der digitale Handel samt Lager- und Lieferlogistik einen beispiellosen Boom. Der Grundstein für ein völlig neues Einkaufsverhalten wurde gelegt. Grund genug für das Verlagshaus Axel Springer, dem Amazon-Gründer den Award für „visionäres Unternehmertum in der Internetwirtschaft“ zu verleihen.

Amazon-Chef lebt in seiner eigenen Welt
Bezos gilt mit einem Vermögen von 120 Milliarden Euro als reichster Mann der Welt. In der Öffentlichkeit gefällt sich der Amazon-Chef gern als Fürsprecher der Beschäftigten. Für Kritik ist er eher unempfänglich, Probleme in seinem Unternehmen sind ihm eher fremd. Letztes Jahr in Berlin sagte er: „Ich bin sehr stolz auf unsere Arbeitsbedingungen. Ich bin sehr stolz auf die Gehälter, die wir zahlen.“

Überwachung und Kontrolle sind alltäglich
Leider klafft zwischen Anspruch und Realität eine große Lücke. Zweifellos leisten die Beschäftigten bei Amazon hervorragende Arbeit. Sie beweisen das jeden Tag mit ihrem Einsatz am Arbeitsplatz. Aber sie stehen unter größtem Druck und leiden unter den schlechten Arbeitsbedingungen. Ihre Krankheitsquote liegt weit über dem bundesweiten Durchschnitt. Umfassende Kontrolle, dauernde Hetze und ein nicht nachlassendes Arbeitspensum gehören für die Belegschaften zum Alltag. Die Beschäftigten sind über Scanner allesamt vernetzt. Mitunter erhalten sie Abmahnungen, wenn sie innerhalb von fünf Minuten zweimal „inaktiv“ gewesen sind. Dazu erhöhen die vielen angebrachten Kameras das Gefühl ständiger Überwachung. „Big Brother is watching you“, würde George Orwell wohl dazu sagen.

Anteil tarifgebundener Betrieb nach Betriebsgröße in Niedersachsen

DGB

Der Konzern drückt sich vor Tarifvertrag
Auch bei den Löhnen punktet der Internetgigant nicht. Obwohl die Geschäfte blendend laufen und der Umsatz seit Jahren steigt (siehe Grafik), wehrt sich Amazon mit Händen und Füßen gegen einen Tarifvertrag. Das betrifft auch Hunderte von Beschäftigten in den niedersächsischen Logistik-Zentren in Garbsen und Winsen. Die taz bescheinigt dem Unternehmen aufgrund dieser Haltung einen „manchester-kapitalistischen Dogmatismus“ und Gutsherrenmentalität. Amazon behauptet zwar, gute Löhne zu zahlen, unter-schlägt aber, dass es sich nur an den Tarifen der Logistik-branche orientiert. Da das Unternehmen jedoch zweifelsfrei ein Händler im Onlineversand ist, müsste es die entsprechend höheren Löhne des Einzel- und Versandhandels zahlen. Doch davor drückt sich der Handelsriese. Lieber verdient er sich auf dem Rücken der Beschäftigten eine goldene Nase!

Bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne sind das Gebot der Stunde
Der Konzern muss endlich Flagge zeigen. Im Moment gibt er sein Geld lieber für teure Anwälte aus, die die Gewinne am deutschen Fiskus vorbeischleusen. Amazon ist einer der größten Steuertrickser weltweit. Stattdessen muss das Unternehmen an den Verhandlungstisch treten, um mit den Beschäftigten und ihrer Interessenvertretung über einen Tarifvertrag zu verhandeln. Sonst bleiben gute Arbeit und gute Löhne nur eine hohle Phrase. Was den fairen Umgang mit Beschäftigten und Allgemeinheit angeht, hat Mister Bezos offensichtlich noch einiges zu lernen.

 

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