Deutscher Gewerkschaftsbund

21.02.2019
#schlaglicht 07/2019

Gespenster-Debatte um die Arbeitszeit!

Alle Jahre wieder brechen die Arbeitgeber eine Debatte um das Arbeitszeitgesetz vom Zaun. Angeblich benötigen Betriebe und Beschäftigte in Zeiten der Digitalisierung mehr Flexibilität. Aber die Vorschläge in diese Richtung gehen völlig an der Realität vorbei. Längst sind die Arbeitszeiten flexibel genug gestaltet. Was in puncto Arbeitszeit wirklich geschehen muss, beschreibt das #schlaglicht 07/2019.

 

Mann mit zwei Uhren vor den Augen

DGB/Daniil Peshkov/123rf.com

Sie können es nicht lassen, unsere lieben Arbeitgeber. In regelmäßigen Abständen zetteln sie eine Debatte über das Arbeitszeitgesetz an. Jetzt wird die Welle der Digitalisierung geritten. Die heutigen Regelungen seien bereits hundert Jahre alt und werden den Ansprüchen der Menschen in puncto flexibler Arbeitszeiten nicht mehr gerecht. Das wäre alles nicht der Rede wert, wenn sich in der Politik nicht regelmäßig offene Ohren finden würden. Aktuell hat die schwarz-gelbe Landesregierung in Nordrhein-Westfalen einen Entschließungsantrag in den Bundesrat eingebracht. Die Arbeitszeiten sollen an die Herausforderungen der digitalen Arbeitswelt angepasst werden. Ein absurdes Unterfangen!

Arbeitszeiten sind schon jetzt ausreichend flexibel
Klar ist: Die Arbeitgeber betreiben reine Ideologie. Fakten für ihre Argumentation lassen sich nicht finden. Die vorhandenen Spielräume sind bereits groß genug. Die Statistik zeigt das Ausmaß an Flexibilität: Bundesweit arbeiten 60 Prozent der Beschäftigten länger als vertraglich vereinbart. Allein in Niedersachsen werden 110 Mio. Überstunden geleistet. Das ist eine Zunahme von 32 Prozent gegenüber dem Jahr 2012. Vor allem im Gesundheits- und Sozialwesen, aber auch in den Bereichen Buchhaltung und Verwaltung, ist für viele nach dem offiziellen Feierabend noch nicht Schluss (siehe Grafik). Das geschieht häufig sogar ohne Bezahlung. Über 53 Mio. Stunden Mehrarbeit werden nicht vergütet.

Deutschland bei Wochenarbeitszeit an europäischer Spitze
Der Befund ist nicht überraschend: Mit einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 41,5 Stunden liegt Deutschland europaweit an der Spitze. In kaum einem anderen EU-Land ist die Diskrepanz zwischen der tatsächlich vereinbarten und der faktisch geleisteten Arbeitszeit so hoch wie hierzulande. Unter diesem Gesichtspunkt klingen Forderungen der Arbeitgeber nach einer Heraufsetzung der zulässigen Höchstarbeitszeit pro Tag wie blanker Hohn. Jeden Tag beweisen die Beschäftigten genügend Einsatz und Flexibilität. Wer das leugnet, verweigert die Realität!

Anteil tarifgebundener Betrieb nach Betriebsgröße in Niedersachsen

DGB

Zu hohe Arbeitsbelastung macht krank
Die Folgen der Arbeitsbelastung spüren die niedersächsischen Beschäftigten am eigenen Leib. Arbeiten ohne Ende ist eine Gefahr für die Gesundheit. Wegen der Digitalisierung klagt die Hälfte über die Zahl der gleichzeitig zu bearbeitenden Vorgänge und die zu bewältigende Arbeitsmenge. Weil Arbeitsverdichtung, Leistungsdruck und Multitasking immer weiter zunehmen, sind psychische Erkrankungen auf dem Vormarsch. Es ist deshalb kein Wunder, dass der Anteil der Menschen, die wegen seelischer Leiden in die Erwerbsminderungsrente gehen, kontinuierlich ansteigt. Gleiches gilt für die Arbeitsunfähigkeitstage.

Landesregierung muss Antrag aus NRW abschmettern
Also liebe Arbeitgeber: Zeit eure inhaltsleere Gespenster-Debatte zu beenden. Eine Weichspülung des Arbeitszeitgesetzes ist Unsinn. Die Landesregierung muss klare Kante zeigen und den Antrag aus Nordrhein-Westfalen im Bundesrat abschmettern. Umkehrt wird ein Schuh daraus: Die Beschäftigten sind vor einer zu hohen Arbeitsbelastung zu schützen. Dafür sind ein klarer gesetzlicher Rahmen und die Stärkung der Mitbestimmung notwendig. Besonders in den Bereichen Homeoffice und mobile Arbeit besteht Handlungsbedarf. Mehr Arbeitszeitssouveränität für die Beschäftigten ist Trumpf. Denn Arbeit darf nicht krank machen!

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