Deutscher Gewerkschaftsbund

02.08.2018
#schlaglicht 06/2018

Zahl befristeter Arbeitsverträge auf Höchststand!

Der Arbeitsmarkt ist gespalten. Während Branchen, die mit Fachkräftemangel kämpfen, qualifiziertes Personal langfristig an sich binden, bauen manche Arbeitgeber ihr Geschäftsmodell auf prekärer Beschäftigung auf. Die Folge: Befristete Jobs boomen, auch in Niedersachsen. Das #schlaglicht 06/2018 analysiert die Lage und zeigt Folgen, aber auch Auswege auf.

Mann vor weißer Mauer malt schwarze Sanduhr mit ablaufender Zeit

DGB/Galina Peshkova/123RF.com

Wer bei der Deutschen Post befristet beschäftigt ist und schwer erkrankt, wird gleich doppelt bestraft: Nur wenn man in den ersten zwei Jahren weniger als 20 Tage fehlt, hat man die Chance auf Übernahme. Dieser zynische Umgang mit Beschäftigten ist leider kein Einzelfall. Immer mehr Menschen erhalten nur auf zwei Jahre befristete Arbeitsverträge und werden so einer verlängerten Probezeit unterworfen.

Tief gespaltener Arbeitsmarkt
Die Situation ist grotesk: Der Konjunkturverlauf ist seit Jahren positiv. Es gibt Branchen wie das Bauhauptgewerbe, die zum Teil mit Fachkräftemangel kämpfen. Auch weil sie es in der Vergangenheit versäumt haben, in ausreichendem Maße auszubilden. Dort besteht ein hohes Interesse, qualifiziertes Personal langfristig an sich zu binden. Gleichzeitig haben bestimmte Branchen ihr Geschäftsmodell auf der Basis prekärer Beschäftigungsformen inklusive ständiger Befristungen aufgebaut. Der Arbeitsmarkt ist tief gespalten.

Befristete Beschäftigung breitet sich aus
Die Fakten sind ernüchternd: Inzwischen sind 8 Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse in Niedersachsen befristet. Insgesamt sind 284.500 Personen betroffen. Damit hat sich die Zahl befristeter Arbeitsverträge in den letzten 20 Jahren auf einen neuen Höchststand mehr als verdoppelt. 1996 waren nur 122.000 Beschäftigte befristet, ihr Anteil an der Gesamtbeschäftigung lag damals noch bei 3,4 Prozent. Fast die Hälfte aller Neueinstellungen ist befristet. Die Branchen mit den höchsten Quoten sind das Gastgewerbe, Reinigungs- und Sicherheitsdienste sowie Erziehung und Unterricht (hier insbesondere Hochschulen). Besonders kritisch: Mit 56 Prozent hat der überwiegende Teil der Befristungen keinen betrieblichen Anlass, sondern erfolgt ohne Sachgrund.


 

Grafik Befristete Beschäftigung

DGB


Dank gesetzlicher Regelungen können Arbeitgeber sachgrundlose Befristungen auf bis zu zwei Jahre ausdehnen. Sie entlasten sich so von den unternehmerischen Risiken und missbrauchen dieses Instrument als Versicherung gegen Auftragseinbrüche. Außerdem führt diese Praxis dazu, dass Stress, Druck und Konkurrenz in den Belegschaften der Betriebe zunimmt.

Unsichere Berufsperspektiven belasten Beschäftigte
Diese Entwicklung geht voll zu Lasten der Betroffenen: Ein sicheres und unbefristetes Arbeitsverhältnis ist der am häufigsten geäußerte Wunsch von Beschäftigten hinsichtlich ihrer Erwerbssituation. Eine unbefristete Beschäftigung ist die unabdingbare Voraussetzung für eine verlässliche Lebensplanung. Mit befristeten Arbeitsverträgen ist es schwerer, eine Wohnung zu mieten, einen Kredit zu bekommen oder gar eine Familie zu gründen. Drei Viertel aller befristeten Beschäftigten haben keine Möglichkeit, eine ausreichende betriebliche Altersvorsorge aufzubauen. Die unsichere Zukunftsperspektive stellt für viele eine große Belastung dar: Ängste um die berufliche Zukunft sind bei Befristeten doppelt so stark verbreitet wie bei Unbefristeten.

Sachgrundlose Befristungen abschaffen!
Arbeitsmarktpolitisch gibt es keine Notwendigkeit für sachgrundlose Befristungen. Es ist daher höchste Zeit, dass der Gesetzgeber auf der Bundesebene das Heft des Handelns in die Hand nimmt. Anstatt Beschäftigte im Zustand permanenter Unsicherheit zu belassen, ist den Arbeitgebern die Möglichkeit der Befristung ohne sachlichen Grund zu nehmen.

 


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