Deutscher Gewerkschaftsbund

25.10.2018
#schlaglicht 18/2018

1,3 Millionen Niedersachsen trotz Aufschwung arm!

Die wirtschaftlichen Kennziffern der letzten Jahre sind auch in Niedersachsen positiv, doch nicht alle profitieren vom Aufschwung. Im Gegenteil: Die Armutsquote liegt höher als im Bundesschnitt. Vor allem Alleinerziehende, Erwerbslose und Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit sind arm. Wie gegengesteuert werden kann, ist im #schlaglicht 18/2018 zu lesen.

Kaputte Kinderturnschuhe

DGB/Lane Erickson/123RF.com

Über Jahrzehnte galt in Deutschland ein unumstößlicher Grundsatz: Wächst die Wirtschaft, profitieren alle Menschen davon. Wie in einem Fahrstuhl, der nach oben fährt und jeden mitnimmt, können alle mit einer Verbesserung ihrer materiellen Situation rechnen. Dieser Gründungsmythos der Bundesrepublik fungierte über viele Dekaden als sozialer Kitt. Doch wie bei so vielen Mythen gilt: Je weiter sie zurückliegen und je weniger sie mit der Realität zu tun haben, desto mehr verblasst die Erinnerung an sie. Denn trotz persönlicher Anstrengung haben viele Menschen das berechtigte Gefühl, dass sie auf keinen grünen Zweig kommen und dauerhaft vom Erfolg ausgeschlossen sind.

Nicht alle profitieren vom wirtschaftlichen Aufschwung
Dabei sind die wirtschaftlichen Kennziffern der letzten Jahre positiv: Nach dem Beben der Finanzmarktkrise hat sich das Bruttoinlandsprodukt stabil nach oben entwickelt. Auch Niedersachsen kann sich über einen robusten Wachstumsverlauf freuen. Die Arbeitslosigkeit ist gesunken, die Unternehmen haben volle Auftragsbücher und das Land erzielt kräftige Steuermehreinnahmen. Man könnte glatt meinen: Die Konjunktur brummt, alle sind glücklich. Doch das Bild ist trügerisch: Nicht alle Menschen haben profitiert.

Armutszeugnis für Niedersachsen: Armutsquote über Bundesschnitt
Beim Thema Armutsbekämpfung sind in Niedersachsen überhaupt keine Fortschritte erzielt worden. In den vergangenen zehn Jahren ist die relative Armutsquote von 15,5 Prozent auf 16,7 Prozent angestiegen. Der Bundesdurchschnitt liegt mit 15,8 Prozent deutlich niedriger. Bei einer niedersächsischen Gesamtbevölkerung von über 7,96 Mio. Menschen sind insgesamt rund 1,33 Mio. von ihnen von Armut betroffen; 94.000 mehr als 2007. Als arm gelten Personen, denen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens pro Monat zur Verfügung steht. Das sind gegenwärtig 980 Euro für eine Einzelperson. Nach langen Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs sind diese Zahlen im wahrsten Sinne des Wortes ein Armutszeugnis.

Entwicklung der Armutsgefährdungsquote in Niedersachsen

DGB

Von Armut betroffen sind in erster Linie Alleinerziehende, also überwiegend Frauen, und mit ihnen ihre Kinder. Obwohl sie am wenigsten für ihre prekäre Situation können. Ebenfalls überdurchschnittlich vertreten sind Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit und Erwerbslose. Bei Personen, die bereits in Rente sind, ist dies zwar noch nicht der Fall. Aber bei keiner Gruppe hat die Armut in den letzten zehn Jahren so stark zugenommen wie bei ihnen. Eine für die Zukunft beunruhigende Tendenz.

Niedersachsen muss den Kampf gegen Armut ins Zentrum stellen
Der Zustand einer Gesellschaft lässt sich am besten daran ablesen, wie sie mit den Schwächeren umgeht. In dieser Hinsicht steht Niedersachsen nicht gut da! Die Bekämpfung von Armut sollte deshalb im Zentrum der politischen Anstrengungen stehen: Der Niedriglohnsektor muss durch eine höhere Tarifbindung und die Regulierung von prekärer Beschäftigung eingedämmt werden. Ein öffentlicher Beschäftigungssektor mit anständiger Bezahlung für Langzeitarbeitslose, ein armutsfestes Rentensystem, die Entgeltgleichheit von Frauen und Männern und eine bessere Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt sind weitere wichtige Stellschrauben auf dem Weg zu weniger Armut.

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