Abkehr vom 8-Stunden-Tag: Ein Bärendienst an der Vereinbarkeit

Datum

Dachzeile #schlaglicht 20/2026

Wenn es um die Aufweichung des Arbeitszeitgesetzes und die damit intendierte Abkehr vom 8-Stunden-Tag geht, ist von Wirtschaftslobby und Teilen der Bundesregierung Kreativität gefragt, wenn sie ihr Anliegen schmackhaft machen wollen. Ihr Verkaufsargument: Mit der Einführung einer wöchentlichen Höchstarbeitszeit würden sowohl Betriebe als auch Beschäftigte mehr Flexibilität erhalten, so dass sie jeweils besser auf die Anforderungen von moderner Arbeitswelt, familiären Aufgaben und individueller Freizeitgestaltung reagieren können. Dafür reichten die als zu starr bezeichneten Regelungen der Gegenwart nicht mehr aus.

Zugriff auf Beschäftigte ausweiten

Zurück in der Realität stellt sich die Sache anders dar. Tatsächlich bietet das Arbeitszeitgesetz schon genügend Freiräume, um täglich bis zu 10 Stunden Arbeit zu ermöglichen. Eine weitere Lockerung würde den Arbeitgebern aber die Option an die Hand geben, längere Arbeitstage von bis zu 13 Stunden anzuordnen. Mit beidseitiger Flexibilität und Mitsprache hat das nichts zu tun, sondern nur mit der Ausweitung der Arbeitszeiten und der betrieblichen Verfügungsgewalt über die Beschäftigten. Dies gilt insbesondere, wenn kein tarifvertraglicher Schutz vorhanden ist.

Wunsch nach kürzeren Arbeitszeiten

Die Arbeitszeitdebatte geht deshalb völlig an den Wünschen der Beschäftigten vorbei. Laut der repräsentativen Befragung des DGB-Index Gute Arbeit sind nur 40 Prozent von ihnen mit ihrer Arbeitszeit zufrieden, über die Hälfte präferiert hingegen eine Verkürzung. Interessant ist hierbei auch der Blick in die Familien: Fast zwei Drittel der Väter und 43 Prozent der Mütter würden gerne weniger arbeiten. Verständlich. Lange Arbeitszeiten schaden nicht nur nachweislich der Gesundheit und erhöhen das Unfallrisiko, sondern erschweren auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erheblich.

Erschöpfung als Alltagsbegleiter

Dabei sind Belastungen jetzt schon in vielen Haushalten deutlich spürbar – gerade unter Frauen, die weiterhin den Großteil der Haus- und Sorgearbeit übernehmen (müssen). Bereits 34 Prozent der weiblichen Beschäftigten, die nie oder selten Probleme mit der Vereinbarkeit haben, sind nach der Arbeit erschöpft. Sobald jedoch Schwierigkeiten auftreten, fühlen sich vier von fünf Frauen leer und ausgebrannt (siehe Grafik). Ein Alarmsignal, das keinen Raum für Interpretationen offenlässt.

Planbarkeit statt Entgrenzung

Wer nun den 8-Stunden-Tag abwickeln will, wirft denjenigen, die jetzt schon am Limit sind, noch mehr Knüppel zwischen die Beine. Neben gut ausgebauten Betreuungsstrukturen benötigen Beschäftigte vor allem verlässliche und planbare Arbeitszeiten, bei denen sie mitbestimmen können und die zu ihren Lebensumständen passen. Einseitig verordnete Verfügbarkeit hat dagegen nichts mit Arbeitszeitsouveränität zu tun, sondern erweist der familiären Vereinbarkeit einen Bärendienst.

8-Stunden-Tag ist unverzichtbar

Statt Motivation und Wachstumskräfte mit einem weichgespülten Arbeitszeitgesetz zu entfalten, droht dadurch vielmehr eine Erhöhung der Krankenstände wegen Erschöpfung. Dies lässt sich nun einmal nicht als im Interesse der Beschäftigten verkaufen, egal wie oft noch auf der Klaviatur der Flexibilität gespielt wird. Dieses Vorhaben der Bundesregierung steht deshalb wahrlich unter keinem guten Stern. Also: Hände weg davon!

#schlaglicht 20/2026 - Abkehr vom 8-Stunden-Tag: Ein Bärendienst an der Vereinbarkeit (pdf)

zurück