Ein Talent kann man Carsten Linnemann nun wirklich nicht absprechen: sich um Kopf und Kragen reden. Vor Wochen beklagte der CDU-Generalsekretär in einer Talkrunde, dass eine mangelnde Einsatzbereitschaft bei den Beschäftigten um sich gegriffen hätte. Im Sinne des Wohlstands müsse aber länger gearbeitet werden. Als Linnemann daraufhin von der IG Metall Vorsitzenden Christiane Benner in die Mangel genommen wurde, kam er gehörig ins Schlingern. Am Ende waren es für ihn dann vor allem die – kein Scherz – Rentner*innen, die nicht mehr fleißig genug sind.
Ständige Rufe nach Mehrarbeit
Zur Verteidigung des CDU-Mannes muss man leider sagen, dass er mit diesen Vorwürfen nicht allein unterwegs ist. Es war Kanzler Friedrich Merz, der in seiner ersten Regierungserklärung mehr Leistung verlangte und die Work-Life-Balance sowie die 4-Tage-Woche attackierte. Flankenschutz gibt es dazu noch von den Ökonom*innen Veronika Grimm und Moritz Schularick, die die Abschaffung von einem oder gleich zwei Feiertagen fordern, um die Wirtschaft in Schwung zu bringen. Auch die ins Auge gefasste Reform des Arbeitszeitgesetzes zielt auf eine Ausweitung der Arbeitszeit ab. In dieses neoliberale Gezwitscher stimmt nun noch Wirtschaftsministerin Reiche ein, die längeres Arbeiten und eine spätere Rente (mit 70) fordert.
Arbeitsvolumen wächst stetig
Fakt ist: Einem Realitätscheck halten solche Töne nicht stand. Denn die bestimmende Kennzahl, das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen, steigt seit Jahren an und befindet sich auf einem Allzeithoch (siehe Grafik). Dazu wurden 2024 rund 638 Mio. unbezahlte Überstunden von den Beschäftigten geleistet. Wenn zudem über die hohe Teilzeitquote geklagt wird, wird übersehen, dass diese vor allem auf unzureichende Betreuungsangebote zurückgeht, so dass Frauen weiterhin das Gros der Care-Arbeit übernehmen und aus Selbstschutz ihre Arbeitszeit nicht ausweiten.
Fokus auf Integration in Arbeit legen
Geradezu abenteuerlich wirkt der Ruf nach Mehrarbeit in Anbetracht der Wirtschaftslage. Die jetzige Konjunkturschwäche hat dazu geführt, dass die Arbeitslosigkeit spürbar zugenommen hat und viele Betriebe für ihre Beschäftigten Kurzarbeit anmelden. Wie in dieser Situation eine Ausweitung des Arbeitsangebots hilfreich sein soll, bleibt ein ökonomisches Rätsel. Sollte es nicht um die Integration von mehr Menschen in Arbeit gehen?
Längere Arbeitszeit = höhere Risiken
Zumal längere Arbeitszeiten auch andere Risiken bergen, insbesondere wenn die Bundesregierung eine wöchentliche Höchstarbeitszeitgrenze mit 12-Stunden-Tagen ermöglicht. In der Arbeitsmedizin gilt es längst als erwiesen, dass mehr als acht Arbeitsstunden die Gesundheit beeinträchtigen und die Gefahr von Arbeitsunfällen signifikant zunimmt. Gleichzeitig droht eine weitere Zunahme der ohnehin nicht gelösten Betreuungskonflikte.
Mit Macht für die 8!
Deswegen sagen Gewerkschaften: Mit Macht für die 8! Hände weg vom 8-Stunden-Tag, Hände weg vom Arbeitszeitgesetz. Denn schon heute bietet es ausreichend Flexibilität. Vor allem ist es grundfalsch und beleidigend, den Menschen im Land ständig zu predigen, sie würden nicht genug arbeiten. Statt plumper Symbolpolitik und billigem Beschäftigten-Bashing muss es um gute Arbeitsbedingungen mit fairen Arbeitszeiten ohne gesundheitliche Risiken gehen.