Arbeitszeitdebatte: 8 Stunden sind genug

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Dachzeile #schlaglicht 13/2026

Es hat inzwischen etwas von „Und täglich grüßt das Murmeltier“. In schöner Regelmäßigkeit ereilt die Beschäftigten von Politik und Arbeitgebern der Ruf, dass sie mehr arbeitenmüssten. Zuletzt hat Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) diese Forderung in seiner Grundsatzrede bei der Bertelsmann-Stiftung erhoben. Gegen Kritik sprang ihm Gitta Connemann (CDU), Vorsitzende der Mittelstandsvereinigung, umgehend bei, und sprach davon, dass es eben „keinen leistungslosen Wohlstand“ gäbe. Hinter solchen Floskeln verbirgt sich letztlich das Ziel, das Arbeitszeitgesetz zu schleifen und den 8-Stunden-Tag rückabzuwickeln.

Arbeitszeiten à la Schweiz?

Als Vorbild wird hierzu immer wieder die Schweiz angepriesen. Ein schlechtes Beispiel, wie eine Analyse der Hans-Böckler-Stiftung zeigt. Zwar liegt dort die Wochenarbeitszeit von Vollzeitbeschäftigten mit 41, 7 Stunden über dem Durchschnitt der Bundesrepublik. Aber die hohe Vollzeitnorm drängt viele Beschäftigte in die Teilzeit – vor allem Frauen. Außerdem gehen die langen Arbeitszeiten mit einer ausgeprägteren Entgrenzung zwischen Berufs- und Privatleben einher. Dies fördert eine Zunahme von Stress und krankheitsbedingten Ausfällen, so dass es vermehrt wirtschaftliche Einbußen gibt.

Beschäftigtenwünsche außen vor

Dessen ungeachtet wird hierzulande in einem moralisierenden Ton ständig Mehrarbeit eingefordert – trotz eines hohen Arbeitsvolumens. Aus guten Gründen haben die Beschäftigten aber andere Interessen: Fast drei Viertel möchten nicht länger als 8 Stunden pro Tag arbeiten. Noch größer ist die Ablehnung von Arbeitszeiten, die sich bis spät in den Abend hinein erstrecken (siehe Grafik). Sie wissen offenbar besser, dass Arbeit ohne klare Grenzen sowohl die Vereinbarkeit von Familie und Beruf als auch ihre Gesundheit nachhaltig gefährdet.

Konjunktur & Teilzeit unberücksichtigt

Auch aus einem anderen Blickwinkel wirkt die Arbeitszeitdebatte reichlich grotesk. Denn viele Beschäftigte befinden sich in Teilzeit, weil sie durch Überlastung, Nacht- und Schichtarbeit sowie fehlende Kinderbetreuungsmöglichkeiten nicht mehr arbeiten können. Und was sollen eigentlich Industriebeschäftigte, die sich gerade in Kurzarbeit befinden oder ihren Arbeitsplatz verloren haben, von der ganzen Diskussion halten? Sieht so wirklich das politische Angebot an diese Menschen aus?

Andere Stellschrauben entscheidend

Wer ernsthaft über Erwerbspotenziale sprechen will, sollte sich lieber mit anderen Dingen beschäftigen als der Infragestellung gesetzlicher Mindeststandards oder tariflicher Regelwerke. Dazu gehören der Ausbau von Kinder- und Pflegeeinrichtungen, eine gerechtere Verteilung der Sorgearbeit und betriebliche Maßnahmen, damit die Beschäftigten fit im Berufsleben bleiben. Ebenso muss es darum gehen, wieder mehr Menschen in Beschäftigung zu bringen und ausreichend Ausbildungsplätze für die Jugend anzubieten.

Arbeitszeitgesetz ist unverzichtbar

Die Abschaffung des 8-Stunden-Tages durch eine Aufweichung des Arbeitszeitgesetzes wäre dagegen ein herber Schlag ins Gesicht der Beschäftigten. Mehrarbeit mit bis zu 13 Stunden täglich geht völlig an ihrer Lebenswirklichkeit vorbei. Sie leisten bereits genug, die ewigen Belehrungen ihnen gegenüber sind ein Affront. Und produktiver und gesünder wird Arbeit dadurch ganz sicher nicht.

#schlaglicht 13/2026 - Arbeitszeitdebatte: 8 Stunden sind genug (pdf)

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