Die Ferien sind vorbei, der Alltag kehrt zurück. Doch für viele junge Menschen in Niedersachsen beginnt nach dem erworbenen Schulabschluss kein neuer Abschnitt, sondern die berufliche Warteschleife. Denn nicht alle, die einen Ausbildungsplatz suchen, werden auch fündig. Der Einstieg in das Berufsleben scheitert aber in der Regel nicht an mangelnder Motivation oder zu wenig Engagement, sondern an fehlenden Chancen – und dass trotz des wachsenden Bedarfs an Fachkräften.
Rosinen picken in Betrieben
Laut einer repräsentativen Studie der Bertelsmann Stiftung glaubt ein Drittel der Befragten mit niedriger Schulbildung nicht, dass sie einen Ausbildungsplatz finden werden, oder sie sind sich nicht sicher. Dabei sind sie die größte Gruppe, die sich nach dem Schulabschluss eine Ausbildung vorstellen kann. Obwohl Arbeitgeber händeringend nach Fachkräften suchen, sinkt die Quote der Ausbildungsbetriebe stetig. Nur noch etwa jeder fünfte niedersächsische Betrieb bildet aus. Und wer ausbildet, konzentriert sich oft auf die Leistungsstärksten. Jugendliche mit mittlerem oder Hauptschulabschluss haben dagegen schlechtere Aussichten (siehe Grafik). Sie bleiben vielfach zurück in einem Auswahlprozess, der zunehmend selektiver wird.
Viele junge Menschen ohne Beruf
Die Folge: Immer mehr junge Erwachsene haben keinen Berufsabschluss. In Niedersachsen liegt der Anteil bei den unter 35-jährigen inzwischen bei erschreckenden 21,6 Prozent. Besonders schwer haben es Jugendliche mit Hauptschulabschluss – ihre Chancen auf einen betrieblichen Ausbildungsplatz sind deutlich gesunken. Statt auf Vielfalt zu setzen, betreiben viele Unternehmen eine „Bestenauslese“. Das ist nicht nur sozial ungerecht, sondern auch ökonomisch kurzsichtig. Wer heute potenzielle Fachkräfte ausschließt, darf sich morgen nicht laut über den Fachkräftemangel beschweren.
Berufsorientierung frühzeitig ansetzen
Was ist zu tun? Damit der Übergang von der Schule in den Beruf gelingt, braucht es bessere Angebote. Die Berufsorientierung an Schulen ist oft nicht gut aufgestellt und sollte durch die Einführung eines Ankerfachs Berufsorientierung ab der 7. Klasse gestärkt werden. Hier sollen junge Menschen klischeefrei, strukturiert und praxisnah auf das Berufsleben vorbereitet werden, mit Einblicken in alle Branchen und Berufsfelder.
Ausbildungsfonds als Lösungsansatz
Aber vor allem müssen die Betriebe wieder stärker in die Verantwortung genommen werden. Wer ausbildet, soll unterstützt werden, wer sich der Aufgabe entzieht, muss sich über ein Bonus-Malus-System an den Kosten beteiligen. Ein solcher Ausbildungsfonds, wie er aktuell im Land Bremen eingeführt wird und von dem viele Betriebe sogar finanziell profitieren würden, wäre auch für Niedersachsen ein starkes Signal. Ergänzt durch eine bundesweite Ausbildungsgarantie, kann so eine echte Perspektive für alle jungen Menschen entstehen.
Niemand darf verloren gehen
Kurz und gut: Die Aufgabe der Ausbildung junger Menschen muss auf deutlich breitere Füße gestellt und darf nicht länger nur von einer Minderheit der Betriebe geleistet werden. Der Ausbildungsfonds ist dafür ein probates Mittel, da er die anfallenden Kosten gerecht verteilt. Die Sicherung von Fachkräften und die Gewährung von Lebenschancen für alle sind zwei Seiten derselben Medaille.
#Schlaglicht 23/2025 - Ausbilden statt aussieben: Betriebe in die Verantwortung (PDF, 169 kB)