Debatte um Arbeitszeitgesetz: 8-Stunden-Tag ist unverzichtbar

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Dachzeile #schlaglicht 02/2026

Einfache Frage, denkbar schlechteste Antwort. Als Bundeskanzler Friedrich Merz kürzlich beim Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau dazu Stellung nehmen sollte, welches Gesetz er gerne sofort streichen würde, fiel seine Replik kurz und knapp aus: Das Arbeitszeitgesetz. Bereits zuvor hatte er in seiner Ansprache erneut die Diagnose abgegeben, dass in der Bundesrepublik nicht genug gearbeitet wird und von den Beschäftigten insgesamt mehr Leistung eingefordert. Die versammelten Arbeitgeber klatschten dafür fleißig in ihre Händchen.

Allzeithoch beim Arbeitsvolumen

Doch nur weil solche Forderungen und Vorwürfe ständig wiederholt werden, entsprechen sie noch lange nicht den Tatsachen. Wie der Arbeitszeitrechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zu entnehmen ist, lag das Arbeitsvolumen 2024 bei 54.874 Mio. Stunden. Dies ist der höchste Wert seit der Wiedervereinigung. Gleichzeitig wurden 1,2 Mrd. Überstunden geleistet – fast 60 Prozent davon unbezahlt. Wer den Beschäftigten also mangelnden Einsatzwillen attestiert, vergreift sich nicht nur im Ton, sondern fällt auch krachend durch den Faktencheck.

Breite Mehrheit für 8-Stunden-Tag

Eine Ausweitung der Arbeitszeiten mit der intendierten Abschaffung des 8-Stunden-Tages findet hingegen mehrheitlich keine Unterstützung. In der repräsentativen Befragung des DGB-Index Gute Arbeit äußern fast drei Viertel der Beschäftigten den Wunsch, nicht länger als acht Stunden am Tag arbeiten zu wollen. Klarheit herrscht auch beim Feierabend: Eine erdrückende Mehrheit von 95 Prozent möchte, dass die Arbeit allerspätestens um 18 Uhr endet, weil sonst keine ausreichende Erholung möglich ist und Familie sowie Freizeitgestaltung darunter leiden.

Gesundheitsrisiken werden ignoriert

Besonders heikel ist der Ruf nach Mehrarbeit und der Streichung oder Öffnung des Arbeitszeitgesetzes vor allem aus gesundheitlicher Sicht. Sollten tägliche Arbeitszeiten von über 12 Stunden erlaubt werden, drohen ernste Gefahren. Bereits jetzt leiden Beschäftigte, die von verkürzten Ruhezeiten betroffen sind, öfter unter Rückenbeschwerden, Schlafstörungen und Erschöpfung (siehe Grafik). Ebenso lösen kürzere Regenerationsphasen verschiedene Erkrankungen des Herzkreislaufsystems und Depressionen aus. Nach acht Stunden steigt das Unfallrisiko am Arbeitsplatz deutlich.

Tarifflucht erschwert Lösungen

Da hilft es auch nur begrenzt, wenn der Kanzler zur Reglung der Arbeitszeiten auf die Betriebs- und Sozialpartner verweist. Richtig ist, dass die Tarifvertragsparteien seit Jahrzehnten passgenaue und flexible Lösungen in den Branchen finden. Allerdings stehlen sich immer mehr Arbeitgeber aus Tarifbindung und Mitbestimmung. Gerade Beschäftigte, die nicht unter den zusätzlichen Schutz eines Tarifvertrages fallen, sind daher umso mehr auf den gesetzlichen Mindeststandard angewiesen.

Hände weg vom 8-Stunden-Tag

Kurzum: Die Äußerungen von Friedrich Merz gehen an der Lebensrealität der Menschen völlig vorbei. Der 8-Stunden-Tag und das Arbeitszeitgesetz sind hart erkämpfte, zivilisatorische Errungenschaften. Anstatt die Rückabwicklung solcher Schutzrechte im Interesse der Arbeitgeber zu fordern, täte der Kanzler gut daran, sich mehr für die Belange der Beschäftigten stark zu machen.

#Schlaglicht 02/2026 - Debatte um Arbeitszeitgesetz: 8-Stunden-Tag ist unverzichtbar (PDF, 215 kB)

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