Wenn Stillstand oft Rückschritt bedeutet, wie bezeichnet man dann eigentlich die Rückentwicklung selbst? Anlässlich des am 27. Februar stattfindenden Equal Pay Day, der symbolisch den Tag des Jahres markiert, bis zu dem Frauen umsonst gearbeitet haben, stellt sich diese Frage sehr akut. Denn die geschlechtsspezifische Lohnlücke ist in Niedersachsen von 15 auf 16 Prozent angestiegen. Im Durchschnitt verdienen weibliche Beschäftigte 4,10 Euro pro Stunde weniger als Männer. Auf Basis einer 40-Stunden-Woche macht das über 650 Euro monatlich. So geht Gleichstellung. Nicht.
Gender Pay Gap steigt im Alter
Zu beobachten ist hierbei eine klare Tendenz: Je weiter das Lebensalter fortschreitet, desto größer klafft der Gender Pay Gap. In der Altersgruppe der unter 25-Jährigen ist er nahezu nicht vorhanden. Erst im weiteren Erwerbsverlauf steigt der Verdienstunterschied systematisch an und erreicht bei den 60- bis 64-Jährigen mit 27 Prozent den Höchststand (siehe Grafik). Kurz vor dem Renteneintritt liegt der Stundenlohnrückstand damit bei über 8 Euro. Durch diese fortwährende Ungerechtigkeit rückt eine eigenständige Lebensführung für viele Frauen in weite Ferne.
Zwischen Hausarbeit und Teilzeit
Die Gründe dafür sind kein Naturgesetz, sondern Resultat struktureller Ungleichheiten und Diskriminierung. Das Gros der Haus- und Sorgearbeit erledigen weiterhin Frauen. Mängel bei der Kinderbetreuung und andere Erwerbsbrüche führen dazu, dass weibliche Beschäftigte unfreiwillig in Teilzeit und prekären Minijobs feststecken, die häufig mit niedrigeren Stundenlöhne einhergehen. Ebenso wird in Berufen mit einem hohen Frauenanteil oft schlechter bezahlt als in klassischen Männerdomänen, wobei selbst bei gleicher Profession und Erfahrung deutliche Entgeltlücken auftreten.
Auswirkungen auf alle Lebensbereiche
Die Folgen dieser Benachteiligungen reichen tief. Über die Hälfte der weiblichen Beschäftigten kann mit ihrem Einkommen die eigene Existenz nicht langfristig sichern. Bei Alleinerziehenden schnappt das Armutsrisiko sogar mit 70 Prozent zu. Drastisch zeigt sich das Problem bei den Wohnkosten. Durch niedrigere Einkommen und Erwerbsquoten sind Frauen von steigenden Mieten überproportional betroffen. Und zum Ende des Erwerbslebens müssen sie mit erheblich weniger Rente über die Runden kommen. Altersarmut ist oft weiblich.
Entgelttransparenz endlich herstellen
Deshalb muss der Lohnlücke politisch endlich entschiedener begegnet werden. Die Bundes-regierung steht in der Verantwortung, die EU-Entgelttransparenzrichtlinie schnell und voll-ständig in nationales Recht umzusetzen, damit in Zukunft die Unternehmen für diskriminierungs-freie Entgeltstrukturen verantwortlich sind. Parallel braucht es ein Verbandsklagerecht zur Durchsetzung des Rechts auf Lohngleichheit.
Tarifverträge schließen Lohnlücke
Zudem müssen die Löhne weiblicher Beschäftigter durch eine höhere Tarifbindung gestärkt werden. Beispiele wie die Metall- und Elektroindustrie und die Chemie- und Pharmabranche zeigen, dass Tarifverträge den Gender Pay Gap signifikant reduzieren. Minijobs sind in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung umzuwandeln, Betreuungskapazitäten auszubauen und eine gerechtere Verteilung von Erwerbs- und Carearbeit zu ermöglichen. Denn Frauen verdienen Equal Pay Every Day.
#schlaglicht 07/2026 - Gender Pay Gap: Her mit Equal Pay Every Day! (pdf)