Lie­fe­ran­do & Co.: Lie­fer­diens­te an die Lei­ne le­gen

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Dachzeile #schlaglicht 34/2025

Robert Karow ist maximal angefressen. Als der Kriminalhauptkommissar des ARD-Tatorts in die Zentrale des fiktiven Essenslieferdienstes Cheetahs spaziert und Auskunft über einen Rider haben möchte, muss er feststellen, dass Informationen über das Personal kaum vorhanden sind. Am Empfang wird ihm von der wenig empathischen Servicekraft mitgeteilt, die Rider*innen wären alle als selbständige Subunternehmer tätig. Ein Geschäftsmodell, das auf der Umgehung des Mindestlohns und der Verletzung des Arbeitszeitgesetzes – also Ausbeutung – fußt. Soweit der Sonntagskrimi.

Lieferdienste auf Wachstumskurs

Kaum bestellt, schon geliefert. Als Teil der Plattformökonomie ermöglichen es Lieferdienste, sich schnell und bequem gekochtes Essen an die Haustür bringen zu lassen. Seit Jahren ist die Branche hierzulande auf Wachstumskurs. Ihr Umsatz hat sich seit 2019 mehr als verdoppelt und soll in diesem Jahr die 8 Mrd. Euro knacken (siehe Grafik). Dabei ist Lieferando mit einem Marktanteil von 75 Prozent der unangefochtene Platzhirsch. Die in orange gekleideten Rider*innen, die auf ihren Fahrrädern bei Wind und Wetter unterwegs sind, gehören längst zum Stadtbild.

Mindeststandards werden untergraben

Bei den Arbeitsbedingungen bekleckert sich die Branche allerdings nicht mit Ruhm. Wie der dritte Fairwork Deutschlandbericht hervorhebt, haben sich die Mindeststandards fairer Arbeit deutlich verschlechtert. Lieferando erhielt nur vier von zehn Punkten. Das Unternehmen blieb den Nachweis schuldig, dass die Beschäftigten tatsächlich für ihre ganze Arbeitszeit vergütet werden und den gesetzlichen Mindestlohn bekommen. Ebenso wenig ließ die Plattform die Bereitschaft erkennen mit kollektiven Beschäftigtenvertretungen zusammenzuarbeiten. Es treffen sich Pizza und Prekarität.

Aufbau einer Schattenflotte geplant

Nun will der Branchenprimus noch einen draufsetzen. Bis Jahresende sollen 2.000 Beschäftigte entlassen und der Lieferbetrieb an Subunternehmen abgegeben werden – unter anderem in Hannover, Braunschweig und Göttingen. Die Rider*innen können dann als Selbstständige anheuern und erhalten ihre Bezahlung nach Aufträgen. Im Ergebnis würde eine Schattenflotte entstehen, Mitbestimmungsrechte wären genauso ausgehebelt wie der Mindestlohn und andere Arbeitsstandards. So geht modernes Tagelöhnertum per App.

Beschäftigte brauchen Sozialtarifvertrag

Gegen dieses schändliche Vorgehen wehren sich die Beschäftigten gemeinsam mit der Gewerkschaft NGG und verdienen dafür Unterstützung. Sie fordern einen Sozialtarifvertrag, der echte Sicherheit schafft und auch die Beschäftigten in Subunternehmen schützt. Nur so lassen sich rechtlich verbindliche Ansprüche, die nicht unter dem Mindestmaß zurückbleiben, sicherstellen.

Festanstellungsgebot dringend geboten

Gleichzeitig steht auch die Politik in der Verantwortung, diesem Treiben einen Riegel vorzuschieben. Die Bundesregierung muss analog zur Regelung in der Fleischindustrie das Festanstellungsgebot für die Lieferdienste durchsetzen. Zudem ist dringend notwendig, die europäische Plattformrichtlinie zügig und wirksam in nationales Recht zu übertragen. Nur damit lässt sich die Aushöhlung von Arbeitsrechten in der Plattformökonomie stoppen. Ansonsten bleiben Lieferdienste ganz real ein dauerhafter Tatort für schlechte Arbeitsbedingungen.

#Schlaglicht 34/2025 - Lieferando & Co.: Lieferdienste an die Leine legen (PDF, 157 kB)

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