Es war einer der Wahlkampfschlager der CDU im letzten Bundestagswahlkampf. Wer mehr arbeitet, soll auch mehr Netto vom Brutto haben. Um dieses Ziel zu erreichen, schlug die Union in ihrem Sofortprogramm die Steuerfreistellung von Überstundenzuschlägen vor. Diese Forderung hat es schließlich auch in den Koalitionsvertrag geschafft. Konkret ist vorgesehen, Zuschläge für Mehrarbeit bei Vollzeit, die bei Tarifregelungen eine Wochenarbeitszeit von mindestens 34 Stunden und bei nicht tariflich festgelegten Arbeitszeiten 40 Stunden umfasst, von der Steuer zu befreien.
Studie untersucht Auswirkungen
Klar ist: Geht die Arbeitszeit über die normale Vollzeittätigkeit hinaus, bringt dies Gesundheitsrisiken für die Beschäftigten in Form von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychischen Problemen mit sich. Jenseits dieser Dimension handelte es sich bei dem Vorhaben aber um eine Blackbox. Weder war bisher klar, wie viele Beschäftigte vom geplanten Steuerprivileg profitieren, noch wie hoch die Entlastungen ausfallen würden. Auch über die genauen Verteilungswirkungen gab es keine Erkenntnisse. Aber nun hat das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut mit einer Studie belastbare Daten vorgelegt.
Nur Minderheit würde profitieren
Die Ergebnisse dürften insbesondere der CDU wenig schmecken, denn ihr „Mehr Bock auf Arbeit“ entpuppt sich als heikle Luftnummer. Weil in der betrieblichen Praxis Arbeitszeitkonten die Regel sind, bekommt laut der Verdiensterhebung des Statistischen Bundesamtes nur eine mickrige Minderheit von 1,8 Prozent der Beschäftigten Überstunden samt Zuschlägen überhaupt ausbezahlt. Und da die Steuerersparnis nur für Vollzeitarbeit gelten soll, schrumpft der Kreis der Begünstigten auf gerade einmal 1,4 Prozent zusammen.
Steuerersparnis fällt gering aus
Nicht besser wird es bei den finanziellen Zugewinnen. Durch die Einschränkung, dass nur der Zuschlag, nicht das gesamte Stundenentgelt steuerfrei gestellt werden soll, bleibt pro geleistete Überstunde durchschnittlich ein Kleckerbetrag von 1,35 Euro übrig. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass höhere Einkommensgruppen (Dezile) deutlich stärker profitieren als die untere Hälfte (siehe Grafik), so dass sich die Einkommensungleichheit verschärfen würde. Zu großen Shoppingtouren dürfte sich aber wohl niemand eingeladen fühlen.
Frauen werden wieder benachteiligt
Gleichzeitig hätte die Maßnahme eine erhebliche geschlechterspezifische Schlagseite. Frauen leisten immer noch das Gros der Sorgearbeit, weshalb sie sich wesentlich öfter in Teilzeitarbeitsverhältnissen befinden. Sie würden daher deutlich seltener in den Genuss der Steuerbefreiung kommen, wodurch wiederum der ohnehin hohe Gender Pay Gap noch weiter ansteigen könnte.
Kein Bedarf an einer Luftnummer
Am Ende zeigt sich ein klares Bild: Von der vollmündig angekündigten Entlastung bleibt neben den negativen Folgen auf Gesundheit, Einkommensverteilung und Geschlechtergerechtigkeit kaum mehr als ein laues Lüftchen übrig. An einer solchen Maßnahme mit zweifelhaftem Anreiz für Mehrarbeit besteht überhaupt kein Bedarf. Wer wirklich etwas für die Beschäftigten tun will, muss kleine und mittlere Einkommen steuerlich wirksam entlasten, die Tarifbindung stärken und ausreichend Möglichkeiten zur Betreuung von Kindern schaffen.
#Schlaglicht 32/2025 - Steuerfreie Überstundenzuschläge: Luftnummer mit Nebenwirkungen (PDF, 172 kB)