Tarifvertrag? Check! Anfang Juli konnten sich die Beschäftigten der Delbus GmbH im niedersächsischen Delmenhorst über gute Nachrichten freuen. Nach viel Einsatz und intensiven Verhandlungen gilt für sie jetzt der Tarifvertrag Nahverkehr (TV-N). Bemerkbar macht sich dies vor allem auf dem Gehaltszettel: Für die Busfahrer*innen steigt der Einstiegslohn in den ersten beiden Jahren um etwa 600 Euro pro Monat. Langjährig Beschäftigte im Fahrdienst erhalten bis zu 1.000 Euro mehr. Erneut beweisen sich Tarifverträge als bestes Erkennungsmerkmal für gute Bezahlung.
Viele Arbeitgeber begehen Tarifflucht
Allerdings gilt: Die Zahl der Beschäftigten, die tarifvertraglichen Schutz genießen, ist seit Jahren rückläufig. Viele Arbeitgeber stehlen sich aus der gesellschaftlichen Verantwortung und begehen Tarifflucht – als prominentes Beispiel hat zuletzt der große Sportartikel-Hersteller Adidas ein solch grobes Foulspiel begangen. Zug um Zug wird so der Wesenskern der grundgesetzlich verankerten Tarifautonomie, die Arbeitsbedingungen kollektiv zu regeln, ausgehöhlt. Von verlässlichen Tarifpartnern mutieren die Arbeitgeberverbände immer mehr zu reinen Lobbyorganisationen.
Hohe Lohneinbußen für Beschäftigte
Die finanziellen Auswirkungen auf die Beschäftigten sind einschneidend. Wer in Niedersachsen in einem tariflosen Betrieb tätig ist, verdient im Jahresdurchschnitt über alle Branchen hinweg 3.455 Euro netto weniger. Insgesamt addieren sich die durch Tarifflucht und Lohndumping entstandenen Kaufkraftverluste auf landesweit 6,1 Mrd. Euro. Damit fehlt nicht nur ein wichtiger Impuls für die Binnenkonjunktur. Angesichts allgemein deutlich gestiegener Lebenshaltungskosten könnten viele Beschäftigte und ihre Familien das zusätzliche Geld gut auf dem Haushaltskonto gebrauchen.
Allgemeinheit erleidet Milliardenschäden
Parallel kommt die fehlende Tarifbindung auch die Allgemeinheit teuer zu stehen. Denn niedrigere Löhne produzieren automatisch Einnahmeausfälle in den Sozialversicherungen und beim Fiskus. Zusammen mit den Kaufkraftverlusten summiert sich der jährliche Gesamtschaden der Tarifflucht in Niedersachsen auf über 13 Mrd. Euro (siehe Grafik). Diese Zahlen belegen eindrucksvoll, dass Tarifverträge nicht nur ein Instrument für faire Löhne, sondern auch eine gesamtgesellschaftliche Investition in Stabilität und soziale Sicherheit sind.
Negativfolgen nicht länger hinnehmbar
Darüber hinaus schaffen sie gleiche Wettbewerbsbedingungen, tragen zur Fachkräftesicherung bei und machen Innovationen, nicht Niedriglöhne, zum Motor für wirtschaftliches Wachstum. Die durch die Tarifflucht verursachten sozialen und ökonomischen Negativfolgen darf man den Arbeitgebern deshalb nicht länger durchgehen lassen.
Tarifbindung politisch den Rücken stärken
Hierbei ist auch die Politik gefragt, indem sie die richtigen Rahmenbedingungen setzt. Die Niedersächsische Landesregierung muss endlich das geplante Tariftreue- und Vergabegesetz ohne Ausnahmeregelungen über die Ziellinie bringen. Über einen Aktionsplan auf Bundesebene ist zudem sicherzustellen, dass bei der Auf- oder Abspaltung von Unternehmen bestehende Tarifverträge bis zu einer neuen Vereinbarung fortgelten und Branchentarifverträge leichter allgemeinverbindlich erklärt werden können. Denn nur Gute Arbeit ermöglicht ein gutes Leben und stärkt die Demokratie.
#Schlaglicht 28/2025 - Teure Tarifflucht: Milliardenschäden in Niedersachsen (PDF, 163 kB)