Volkswagen: Klassenkampf von oben
Es ist ein Generalangriff. Und ein Offenbarungseid. Das Volkswagen-Management hat zehn (!) für den Konzern geltende Tarifverträge gekündigt. Darunter fallen der Entgelt-, Ausbildungs- und sowie der Manteltarifvertrag, wobei sie grundsätzlich nachwirken. Nicht betroffen ist die bis Ende 2030 geltende Beschäftigungssicherung. Zusätzlich wurde aber noch bekannt, dass die Gehälter weltweit für vier Jahre eingefroren werden sollen. Nach der Androhung von Werksschließungen hat die Führungsetage des Autobauers damit eine neue Eskalationsstufe gezündet. Die Zeichen stehen auf Sturm.
Schwerer Vertrauensbruch von VW
Denn obwohl die Beschäftigten bereits 2024 Tarifeinschnitte akzeptierten, um Arbeitsplätze zu erhalten, soll für sie nun kein Stein mehr auf dem anderen bleiben. Einseitig sollen ihnen die Kosten der schwerwiegenden Fehler der Vorstandsriege aufgebürdet werden. Das ist nicht nur schamlos. Innerhalb kürzester Zeit wurde bei den Beschäftigten und ihren Familien ein Maximum an Verunsicherung gestiftet und der jahrzehntelangen Mitbestimmungs- und Vertrauenskultur unabsehbarer Schaden zugefügt. Zumal der Vorstandsvorsitzende Blume sich nicht zu schade war, mit Falschaussagen öffentlich Stimmung gegen die Arbeitnehmerseite zu machen.
Kettensäge ist keine Erfolgsstrategie
Wer glaubt, dass ein harter Kahlschlag mit der Kettensäge – Dividenden natürlich ausgenommen – Volkswagen wieder auf Kurs bringt, irrt. Bezahlung, Urlaubstage und weitere Errungenschaften sind nicht die Krisenursache. Tatsächlich waren die Löhne nie Hauptkostenfaktor in der Automobilindustrie, zuletzt machten sie unter 11 Prozent aus und lagen damit deutlich unter dem Niveau von 2020 (siehe Grafik). Es ist bleibt ein Trugschluss, dass ein Wettlauf mit der Konkurrenz um möglichst billige Arbeitskosten für den VW-Konzern ein Heilmittel darstellt. Wo soll dieser denn enden?
Zukunft mit Investitionen und Qualität
Nur wenn der Konzern seine eigentlichen Hausaufgaben macht, kann er im Wettbewerb bestehen. Umfangreiche Investitionen müssen getätigt, eine hochwertige Produktpalette bereitgestellt und Technologiestandards gesetzt werden. Das tarifliche Regelwerk ist hierbei kein Hindernis. Im Gegenteil: Es wurde über Jahrzehnte immer weiterentwickelt und an neue wirtschaftliche, technische und gesellschaftliche Herausforderungen angepasst.
Generalattacke erfordert Solidarität
Darüber hinaus hat dieser Konflikt noch eine andere Facette: Wenn ein tarifpolitisches Schwergewicht wie Volkswagen ausschert, handelt es sich um einen Frontalangriff auf die bisherigen Formen der Konfliktbewältigung, der Folgen für die Tariflandschaft in Gänze haben kann. Der Klassenkampf wird nun mit aller Härte von oben geführt. Dagegen hilft nur: Solidarisch sein, sich organisieren und gemeinsam für Gute Arbeit kämpfen.
Ein heißer Tarifkonflikt steht bevor
Genau dies wird zum Jahreswechsel auch bei VW geschehen, es dürfte einen heißen Winter geben. Die Beschäftigten werden sich sicher nicht einfach zu Sündenböcken abstempeln lassen. Wer ihnen in die Tasche langen will, muss mit einer harten Auseinandersetzung als Antwort rechnen. Zusammen mit ihrer IG Metall als Vertretung werden sie den Vorstand spüren lassen, dass er falsch abgebogen ist. Die Solidarität des DGB und seiner übrigen Mitgliedsgewerkschaften ist ihnen hierbei gewiss.
#schlaglicht 33/2026 - Volkswagen: Klassenkampf von oben (pdf)