Genießen Beschäftigte nicht den Schutz eines Tarifvertrages, bedeutet das nicht nur für sie persönlich weniger Geld im Portemonnaie. Letztlich kommt die Tarifflucht auch die Allgemeinheit teuer zu stehen. Das belegen neue Berechnungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes auf Datenbasis des Statistischen Bundesamtes. Der Schaden, der allein durch Tarifweigerung und Lohndumping der Arbeitgeber in Sachsen-Anhalt entsteht, summiert sich bei den Sozialversicherungen jährlich auf knapp 1,3 Milliarden Euro sowie 766 Millionen Euro bei der Einkommensteuer.
Die mangelnde Tarifbindung schmälert zudem die Kaufkraft der Beschäftigten: Wer in Sachsen-Anhalt nicht nach Tarif bezahlt wird, hat im Jahr – betrachtet über alle Branchen und Berufe hinweg – durchschnittlich netto 3.875 Euro weniger auf dem Lohnzettel als tarifgebundene Beschäftigte. Insgesamt hätten die Beschäftigten im Land mit flächendeckender Tarifbindung mehr als 1,6 Milliarden Euro mehr pro Jahr im Portemonnaie.
„Die jüngsten Tarifauseinandersetzungen sind ein Erfolg und haben zu deutlichen Lohnzuwächsen und verstärkten Eintritten in die Gewerkschaften geführt. Dennoch profitiert in Sachsen-Anhalt nur noch rund jede*r zweite Beschäftigte von einem Tarifvertrag. Die anhaltend niedrige Tarifbindung macht uns große Sorgen. Die Tarifverweigerung vieler Arbeitgeber bekommt jede und jeder zu spüren, deshalb startet der DGB eine Kampagne unter dem Motto ‚Eintreten für die Tarifwende‘, um auf die Vorteile und die volkswirtschaftlichen Effekte von Tarifverträgen hinzuweisen. Mit Tarifverträgen gibt es nicht nur höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten und mehr Urlaub. Damit gestalten die Beschäftigten auch ihre Arbeitsbedingungen aktiv mit“, sagt Susanne Wiedemeyer, DGB-Landeschefin in Sachsen-Anhalt.
„Wir brauchen eine Trendwende, deswegen machen wir uns für mehr Tarifschutz der Beschäftigten stark. Mit unserer Kampagne werden wir die Arbeitgeber an ihre soziale Verantwortung erinnern. Wir richten uns aber auch an die Politik, die mehr tun muss, um die Tarifbindung hierzulande wieder zu stärken“, so die Gewerkschafterin. „Es ist doch glasklar: Eine hohe Tarifbindung ist auch für das wirtschaftliche Wachstum wichtig, denn sie stärkt die Binnennachfrage und sichert gute Arbeit“, betont Wiedemeyer.
In Sachsen-Anhalt hat sich der DGB mit dem Tariftreue- und Vergabegesetz erfolgreich dafür eingesetzt, dass öffentliche Aufträge nur noch an Unternehmen vergeben werden, die Tarifverträge anwenden oder zumindest einen an Tariflohn gemessenen Mindestlohn zahlen müssen. Durch die hohen Schwellenwerte besteht jedoch das Risiko, dass viele Aufträge nicht unter das Gesetz fallen und Tarifverträge unterlaufen werden. Hier besteht ebenso wie der Vergabe von Fördergelder Nachholbedarf. Auch für die Privatwirtschaft sind bessere Gesetze notwendig, um die Tarifbindung zu stärken: Im Falle einer Aufspaltung oder Abspaltung eines Unternehmens sollten Tarifverträge bis zu einer neuen Regelung fortgelten. Zudem sollten Tarifverträge für alle Unternehmen einer Branche leichter für allgemeinverbindlich erklärt werden können.
Die DGB-Berechnungen basieren auf der jüngsten Verdiensterhebung (VE), die das Statistische Bundesamt zuletzt für das Jahr 2022 erhoben hat.