DGB-Landeschefin Susanne Wiedemeyer: „Beim Lohn ist die Einheit noch immer nicht vollzogen. Eine Lohnlücke von mehr als 800 Euro im Monat führt unweigerlich zu Verdruss. Ich habe Verständnis dafür, wenn sich Ostdeutsche vereinzelt als Menschen zweiter Klasse empfinden.“ Laut Verdiensterhebung des Statistischen Bundesamtes 2023 bekommen Vollzeitbeschäftigte im „Osten“ durchschnittlich 3.563,04 Euro, im „Westen“ hingegen sind es 4.401,50 Euro brutto im Monat.
„Obwohl die Wirtschaft in Ostdeutschland in den letzten Jahren meist stärker gewachsen ist als in Westdeutschland, profitieren die Beschäftigten nicht in gleichem Maße. In Sachsen-Anhalt arbeitet ein Viertel der Beschäftigten für einen Niedriglohn von unter 13 Euro. Der Mindestlohn hat zwar zu deutlichen Lohnsteigerungen geführt, aber das reicht nicht aus. Mit Tarifverträgen sind deutlich höhere Löhne drin“, so Wiedemeyer mit Verweis auf den sogenannten Tarifvorteil. Das ist die Differenz zwischen dem durchschnittlichen Bruttomonatsverdienst von Beschäftigten in tarifgebundenen und nicht-tarifgebundenen Betrieben. In Sachsen-Anhalt beträgt dieser Tarifvorteil 751,00 Euro.
Aktuell arbeiten 49 Prozent der Beschäftigten in Sachsen-Anhalt unter dem Schutz von Tarifverträgen, gleich dem bundesweiten Durchschnitt. „Wir haben in Sachsen-Anhalt starke Gewerkschaften, die sich jeden Tag für faire Löhne einsetzen. Damit mehr Menschen Tariflöhnen profitieren, braucht es zum einen wieder eine stärkere Bereitschaft seitens der Arbeitgeber, Mitglied in ihrem jeweiligen Verband zu werden. Zum anderen sind die Beschäftigten gefordert, für ihre Arbeitsbedingungen einzustehen. Engagement und Solidarität zahlen sich aus“, so die DGB-Chefin.
Die zahlreichen Tariferfolge der DGB-Gewerkschaften sind ein Beleg dafür, dass Lohnungerechtigkeiten die Ausnahme sind, wenn sich Beschäftigte für gute Arbeitsbedingungen einsetzen. In jüngerer Vergangenheit wurde eine Ost-West-Angleichung auf Branchenebene beispielsweise im Bauhauptgewerbe und bei den Textilen Diensten erreicht, in der Brotindustrie Ost fehlen nur noch wenige Cent. In der Milchindustrie und anderen lebensmittelverarbeitenden Bereichen und Betrieben wurden teils Lohnsteigerungen im zweistelligen Prozentbereich erzielt. Insgesamt liegt das tarifliche Lohngefüge im Osten nur knapp unter dem im Westen.
Ein weiteres Signal zur Stärkung der Tarifbindung müsse laut Wiedemeyer von der Politik ausgehen. Die neue europäische Mindestlohnrichtline schreibt nationale Aktionspläne vor, wenn die Tarifbindung in einem Mitgliedstaat unter der 80-Prozent-Marke liegt. „Die Bundesregierung muss endlich das vor kurzem vorgelegte Bundestariftreuegesetz beschließen, damit öffentliche Aufträge nur noch an Unternehmen vergeben werden, die ihre Beschäftigten nach Tarif bezahlen“, fordert die Gewerkschafterin.
Hintergrund:
Am 22. Oktober 2024 ist der Ost-West-Lohnlückentag. D. h. Beschäftigte im Osten arbeiten ab diesem Tag rechnerisch für umsonst. Die Entgeltlücke von Vollzeitbeschäftigten zwischen Ost und West liegt bei 19 Prozent. 19 Prozent des Jahres entsprechen 70 Tagen, damit greift die Lücke 70 Tage vor Jahresende, also am 22.10.2024.